Das Schweigen ist zu Ende – meine Krankheit leider nicht

Ich bin wieder da. Man möchte es nicht für möglich halten. Und das nach so vielen Monaten der Abwesenheit. Das Bloggen hat mir gefehlt. Das Schreiben, Fotos bearbeiten, die kreative Arbeit, der Austausch mit den Kollegen. Aber warum war ich weg, wenn mein Herz doch so sehr an meiner Arbeit hängt?

„Ich habe mir eine Auszeit gegönnt.“ So würde ich es formulieren, wenn ich nach dem langersehnten Urlaub zurück in den Arbeitsalltag hüpfe.

„Ich habe eine Auszeit gebraucht.“ So würde ich es formulieren, wenn ich mich überarbeitet habe und ich nach eine bitter nötigen Pause wieder die Arbeit antrete.

„Ich wurde zu einer Pause gezwungen.“ So formuliere ich es in meinem Fall.

Meine bisher schwerste Depression hat mir das Leben zur Hölle gemacht und mich vollkommen ausgeknockt. November bis Februar waren richtig schwere Monate für mich. Die Depression hing wie ein schwerer schwarzer Bleiumhang über mir, der mich oft nur vom Bett zur Couch spazieren lies. Neben der Depression beschäftigen mich Panikattacken. Meine erste Attacke bekam ich während der Autofahrt. Mir wurde urplötzlich extrem schlecht und schwindelig und ich begann zu hyperventilieren. Mit zitternden Händen und Knien fuhr ich zurück nach Hause und war nur noch verzweifelt am Nachdenken was mein Körper mir damit sagen wollte. Meine Depression habe ich einigermaßen in den Griff bekommen, und auch die Panikattacken kommen nur noch in unregelmäßigen Abständen.

Die vergangenen Monate verbrachte ich extrem isoliert von der Außenwelt, allein in den eigenen vier Wänden. Körperlich fühlte ich mich müde und kraftlos, permanent zittrig und angespannt. Ich erkannte mein Spiegelbild kaum wieder und fragte mich wo mein eigentliches ICH hingekommen sei. Ich vermisste gute Laune und Leichtigkeit. Stattdessen war ich antriebslos und konnte mich zu absolut gar nichts motivieren. Ich hatte jegliche Freude am Leben verloren und wartete in der Früh schon auf das Ende des Tages.

Natürlich habe ich mir in dieser schwierigen Zeit Hilfe geholt. Denn allein hätte ich es wohl nicht mehr aus diesem Loch herausgeschafft. Neben Medikamenten gegen depressive Verstimmung und zur Linderung meiner Nervosität habe ich mich auch für eine Gesprächstherapie entschieden. Und was ich da über mich erfahren habe, wollte ich anfangs gar nicht glauben. Tatsächlich sind meine Depressionen nur die Folgeerkrankung einer bereits seit rund 20 Jahren bestehenden psychischen Erkrankung. Bereits Anfang der Pubertät entwickelte ich eine ängstlich vermeidende Persönlichkeitsstörung, die mich in mehr Lebenslagen einschränkt, als es mir lieb ist.

Dank Gesprächstherapie, aber auch auf Grund viel Eigeninitiative, habe ich mich heuer viel mit mir, mit meinen Gedanken, mit meinen Gefühlen und mit meiner Vergangenheit auseinander gesetzt. Viele Jahre habe ich mich über mich selbst gewundert, und mich gefragt, warum ich in mancherlei Hinsicht so anders bin als mein Umfeld. Beschämt habe ich akzeptiert sensibler, gestresster und viel schneller überfordert zu sein als andere. Nur allzu oft habe ich leider selbst nicht verstanden warum meine Gefühle mich manchmal mit außergewöhnlicher Kraft überfallen und Besitz von mir und vor allem von meinen immerzu kreisenden Gedanken übernehmen. Zwar verstehe ich noch immer nicht alles an meinen wirren Gedanken- und innerlichen Gefühlsausbrüchen, aber ich habe heuer schon viel über mich gelernt. Worte wie Selbstakzeptanz, Selbstbewusstsein und Selbstliebe bekommen tiefere Bedeutung und ich weiß, dass dahinter noch sehr viel Arbeit steckt.

Mittlerweile bin ich froh, dass meine Krankheit einen Namen hat. Ich bin froh, zu verstehen, warum ich mich oft selbst blockiere, warum schon Kleinigkeiten derartigen Stress auslösen können, dass ich mit Magen- oder Schulterschmerzen zu kämpfen habe. Heute verstehe ich, dass ich mir selbst mehr Zeit geben muss. Dass ich mich selbst und meine Gefühle annehmen darf, und dass ein langer Weg des Lernes vor mir liegt. Lernen mit meiner Krankheit umzugehen. Mit einer Krankheit die mein Umfeld vor allem in Form von Rückzug oder Abwesenheit meinerseits mitbekommt. Einigen Leuten habe ich mit meiner Art (nein das bin NICHT ich, das ist meine Krankheit!) schon ungewollt vor den Kopf gestoßen, sie verletzt und von mir fortgestoßen. Das tut mir leid für diejenigen, aber auch für mich selbst. Denn am meisten verletzt habe ich mich vermutlich immer selbst. Nicht alle meine Wunden waren oder sind noch sichtbar. Viele unsichtbare Wunden fügen mir meine erniedrigenden, selbstverachtenden Gedanken zu, andere sichtbare Wunden füge ich mir auch physisch zu. Doch von all dem bekommt meine Außenwelt nichts mit. Genausowenig wie von meiner Essstörung, meinem geringen Selbstwertgefühl und der Angst nicht gemocht zu werden. Dennoch ist all dies schon sehr lange präsent in meinem Leben und ich habe keine Lust mehr und auch keine Kraft mehr, mich immerzu zu verstecken und zu verstellen.

In Zukunft werde ich noch viel über den Umgang mit mir selbst lernen. Ich werde lernen, die Bedürfnisse meines Körpers wahrzunehmen und werde mir selbst mit mehr Selbstliebe und Verständnis entgegentreten. Weil ich es mir wert bin. Und weil meine Freunde und Familie es mir wert sind. Ich will mein Leben nicht mehr von einer Krankheit steuern lassen, die nur Angst, Wut und Trauer hervorruft.

Hin und wieder werde ich euch auf meinem Weg mitnehmen. Warum? Weil es genug andere da draußen gibt, denen es ähnlich geht wie mir. Nur leider reden viel zu wenig Menschen darüber. Ich möchte aktiv gegen die Stigmatisierung von psychischen Krankheiten vorgehen. Ich will aufklären, Tipps und Erfahrungen an Betroffene und Angehörige weitergeben. UND ich will mich selbst nicht verstecken müssen. Jemand der Zuckerkrank ist oder mit Bluthochdruck zu kämpfen hat macht auch kein Geheimnis daraus. Krank zu sein ist vollkommen normal und niemand sollte sich dafür schämen müssen.

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